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Studientag 2013

Bericht über den internationalen Studientag „Zeichnungen nach antiker Architektur im Gabinetto Disegni e Stampe degli Uffizi“, Berlin, 7./8. November 2013


Zum Abschluss des Projektschwerpunkts des Census der Jahre 2009–13 zu den Zeichnungen nach antiker Architektur im Gabinetto Disegni e Stampe degli Uffizi fand am 7. und 8. November 2013 in Berlin an der Humboldt-Universität zu Berlin und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften ein Studientag statt. Aspekte, die den wissenschaftlichen und studentischen Mitarbeitern des Census besonders interessant erschienen, wurden in einem größeren Rahmen präsentiert und die sich aus der Projektarbeit ergebenden Erkenntnisse, Fragen und Probleme mit internationalen Experten auf dem Gebiet der Renaissance- und Antikenzeichnung diskutiert. Finanziell unterstützt wurde die Veranstaltung durch die Kommission Internationale Beziehungen der BBAW.

Den Auftakt bildete am 7. November der öffentliche Abendvortrag von Howard Burns (Scuola Normale Superiore Pisa, CISA Andrea Palladio Vicenza) mit dem Titel „The Study of Renaissance Architectural Drawings after the Antique – an Overview“ statt. Darin spannte er einen großen historischen Bogen ausgehend von der wissenschaftliche Beschäftigung mit den architektonischen Hinterlassenschaften der Antike in Italien in den Zeichnungen der Renaissance selbst hin zu heutigen Studien über diese Zeichnungen, für die die Census-Datenbank ein unverzichtbares Arbeitsinstrument darstelle.

Am 8. November eröffnete der Vortrag von Michael J. Waters (Chicago) den Studientag (siehe Programm). Ausgehend von einer Gruppe neu entdeckter Antikenzeichnungen in einer Handschrift des Architekturtraktats des Sienesen Francesco di Giorgio Martini und weiteren teilweise deckungsgleichen Zeichnungskonvoluten unternahm Waters den Versuch, den Umfang des ursprünglichen Corpus der Antikenzeichnungen Francesco di Giorgios zu rekonstruieren. Die besondere Qualität dieses Corpus habe in der einmaligen Verschmelzung von architektonischen und epigraphischen Informationen gelegen, durch die Francesco di Giorgio vormals getrennte Überlieferungsstränge zu einer neuen antiquarischen Gattung vereinigt habe. Spuren dieser Innovation finden sich in Kopien durch das gesamte 16. Jahrhundert und noch an dessen Ende bei kompilierenden Dilettanten wie Giorgio Vasari il Giovane, auch wenn andere, präzisere Formen des Antikenstudiums schon früh die dominierende Rolle übernehmen sollten.

Einen ersten schlaglichtartigen Einblick in diese Art des Antikenstudiums bot der Vortrag von Franz Engel (Berlin, Census), der am Beispiel der drei Tempel am römischen Forum Holitorium zeigte, wie Antonio da Sangallo der Jüngere die gebauten Monumente der Antike mit den theoretischen Schriften Vitruvs in Einklang zu bringen versuchte und dabei mitunter wider besseres Wissen dem eigenen Wunsch nach Theorietreue mehr Bedeutung zumaß als dem archäologischen Befund. Mithilfe der präzisen Lektüre von Antonios Anmerkung zu einer seiner Zeichnungen konnte Engel einen überzeugenden Vorschlag zur Datierung der Zeichnung liefern.

Paul Davies (Reading) stellte seine Überlegungen vor, die von den oftmals anonymen Zeichnern ihren Bauaufnahmen beigegebenen Maßstäbe aufgrund ihrer charakteristischen formalen Eigenschaften als eine Art Signatur zu nutzen, um so größere zusammenhängende Zeichnungsgruppen derselben Hand zuordnen zu können.

Anschließend präsentierte Andreas Huth (Berlin, Census) seine Analyse dreier Zeichnungen eines antiken Rundgrabs beim Bastione Ardeatino, einer von Antonio da Sangallo dem Jüngeren errichteten Ergänzung der Aurelianischen Stadtmauer von Rom. Ausgehend von den präzise vermessenen Bauaufnahmen Antonio da Sangallos gelang Huth eine Rekonstruktion des Grabbaus. Obwohl auch heute noch an Ort und Stelle ruinöse Überreste eines monumentalen Rundgrabs erhalten sind, widersprechen die deutlich voneinander abweichenden Maße einer eindeutigen Identifizierung mit dem gezeichneten Objekt. Huth warf daher die Frage nach der Verlässlichkeit der Renaissancezeichnungen als Quellen für die moderne archäologische Forschung auf, die im Verlauf des Tages mehrfach wieder aufgegriffen wurde.

Andreas Raub (Berlin, Census) widmete sich ebenfalls Antonio da Sangallo dem Jüngeren, untersuchte aber anhand einer größeren Gruppe von Zeichnungen des Mausoleums von Halikarnassos die Vorgehensweise des Architekten, der sich bei seiner Rekonstruktion in diesem Fall allein auf antike Schriftquellen stützen konnte. Raub schilderte anschaulich die in verschiedene Richtungen tastenden Versuche des Architekten, aus wenigen Maß- und Zahlenangaben zeichnerisch ein Bauwerk zu formen, das seinen an römischen Bauten geschulten Erwartungen gerecht werden konnte und fragte abschließend nach Sangallos Motivation für dieses ihn offensichtlich stark beanspruchende Vorhaben.

Den zweiten Teil des Studientags eröffnete Marzia Faietti (Florenz, GDSU) mit einer Präsentation der Online-Bestandsdatenbank des Zeichnungskabinetts der Uffizien, also derjenigen Sammlung, aus der der Großteil der an diesem Tag behandelten Werke stammte. Sie führte die verschiedenen Recherchemöglichkeiten vor und wies auf die regelmäßig stattfindenden virtuellen Ausstellungen auf den Internetseiten des GDSU hin. Außerdem konnte sie über die gelungene Drittmittelfinanzierung der Digitalisierung und Inventarisierung aller noch unbearbeiteten Bestände berichten, woraus sich auch für die zukünftige Zusammenarbeit mit dem Census interessante Perspektiven ergeben.

Paola Zampa (Rom) richtete den Blick wieder auf ein einzelnes antikes Bauwerk, die Basilica Aemilia auf dem Forum Romanum, dessen Überreste zwar im ersten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts restlos zerstört wurden, das aber in zeichnerischen Darstellungen ein erstaunlich intensives Nachleben erfuhr. Die zahlreichen Dokumente gaben daher auch hier Anlass, die unterschiedlichen Absichten der Zeichner, ihre möglichen Vorlagen und die daraus resultierende Zuverlässigkeit ihrer Darstellungen zu diskutieren.

Die gleichen Fragen richtete Timo Strauch (Berlin, Census) in seinem Vortrag an drei Zeichnungen unbekannter Künstler, die mit den gedrehten Säulen aus Alt-St. Peter in Rom Monumente wiedergeben, die auch heute noch erhalten sind und wo somit eine empirische Überprüfung der minutiösen Vermessungen der Renaissance an den Originalen möglich ist. Da moderne Vermessungen der Säulen bislang noch nicht vorliegen, versuchte Strauch zunächst anhand einer vergleichenden Analyse der auf den ersten Blick identisch wirkenden Zeichnungen zu klären, ob sie in der Tat ein und dasselbe Monument oder nur sehr ähnliche, aber verschiedene Säulen zeigen.

Lilla Mátyòk (Berlin, Census) stellte anschließend einige Ergebnisse ihrer Arbeit mit den Zeichnungen Giorgio Vasaris des Jüngeren vor. Der auf dem Gebiet der Architektur nur dilettierende Zeichner hatte offenbar Zugriff auf zahlreiche ältere zeichnerische Vorlagen verschiedenster Provenienz und nutzte diese in unterschiedlicher Weise für seine eigenen Zwecke. Auch wenn hier der dokumentarische Wert der Zeichnung in Bezug auf die festgehaltenen Monumente oft zu vernachlässigen ist, sind Vasaris Kopien wichtige Zeugen für die Langlebigkeit einiger früher Antikenzeichnungen, die durch die Praxis des zeichnerischen Kopierens noch am Ende des 16. Jahrhunderts ihre Wirkung entfalten konnten.

Im letzten Vortrag schilderte David Hemsoll (Birmingham) einen weiteren Fall ebensolchen zeichnerischen Kopierens anhand dreier Zeichnungen der Porta dei Leoni in Verona, wodurch er den geographischen Rahmen des Studientags sowohl monumentseitig als auch hinsichtlich der handelnden Personen – Giovanni Maria Falconetto und Andrea Palladio – erweiterte.

In der Schlussdiskussion wurden einzelne über den Tag hinweg angesprochene Aspekte erneut kurz aufgegriffen, im Übrigen wurde aber ausführlicher über inhaltliche und technische Aspekte der Census-Datenbank diskutiert, deren Nützlichkeit und Relevanz für die kunsthistorische und archäologische Forschung von mehreren Teilnehmern immer wieder hervorgehoben wurde. Die Projektmitarbeiter sammelten Anregungen für zukünftige Schwerpunkte der Dateneingabe und erhielten zahlreiche Hinweise. Die freundliche und konzentrierte Atmosphäre der Veranstaltung wurde durchweg gelobt und der Wunsch nach einer Wiederholung geäußert. Die Beiträge zum Studientag werden in Heft 16 des Pegasus publiziert.

Teilnehmer des Studientags:
Franz Engel, Wiebke Hölzer, Andreas Huth, Lilla Mátyòk, Arnold Nesselrath, Ulrike Peter, Andreas Raub, Birte Rubach, Philipp Schneider, Maika Stobbe, Timo Strauch (alle Census) Michael J. Waters (Chicago), Paul Davies (Reading), Marzia Faietti (Florenz), Paola Zampa (Rom), David E. Hemsoll (Birmingham), Howard Burns (Pisa), Pier Nicola Pagliara (Rom), Ian Campbell (Edinburgh), Vitale Zanchettin (Venedig), Peter Fane-Saunders (Durham), Georg Schelbert (Berlin)

Weitere Gäste:
Michail Chatzidakis (Berlin), Fritz-Eugen Keller (Berlin), Sebastian Storz (Dresden), Guido Beltramini (Vicenza), Carolyn Yerkes (New York), Cara Rachele (Florenz), Thomas Helbig (Berlin), Kolja Thurner (Berlin)

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