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Codex Riccardiano

Census Volltext | Census Datenbankeintrag

Einführung

Das MS Florenz, Biblioteca Riccardiana, N.I.15 1925 (XV saec.) ist mit dem MS Florenz, Biblioteca Laurenziana, Cod. Gaddi 148 (XIII saec.) verwandt. Beide enthalten Übersetzungen ins italiano volgare eines lateinischen Originals, das sich an die Tradition der Mirabilia-Erzählungen anlehnt, die ihren Ursprung in den Handschriften des XII. Jhs. und vermutlich Cencio Camerario als Autor haben. Die genaue Positionierung dieses MS ist allerdings nicht klar. Es unterscheidet sich von allen anderen MSS durch seinen stark ausgeprägten Gebrauch der Umgangssprache und durch eine hohe Anzahl von Fehlern, weshalb auf eine schlechte Allgemeinbildung des Schreibers bzw. Übersetzers geschlossen werden kann.

Was ihm als Vorlage diente, ob eine italienische Übersetzung, ein lateinischer Text oder beides, ist nicht nachvollziehbar. Die Qualität des Textes schwankt erheblich, was zum einen von den Fähigkeiten des Übersetzers, zum anderen vom Textverständnis und von der Bildung des Schreibers abhängen könnte. Allerdings ist der Text von der Individualität des Übersetzers bzw. des Schreibers geprägt, so dass nicht auszuschließen ist, dass sie auch kreativ an der Gestaltung des Textes mitgewirkt haben. Die lexikalische Unsicherheit spricht eher dafür, dass es sich nicht nur um einen Übersetzer bzw. Schreiber handelt, der seine Vorlage nicht richtig lesen kann, sondern um einen Autor, der die Bausteine einer Mirabilia-Erzählung aus der Erinnerung wiedergibt. Dies ergibt sich aus dem Vergleich der Parallelstellen mit den anderen drei erhaltenen italienischen Mirabilia-MSS.

Es scheint, dass der Autor an Stellen, an denen er sich nicht mehr an seine Vorlage erinnern kann, auf seine Phantasie zurückgreift. Deutlich wird dies am Beispiel folgender Stelle: Im MS Florenz, Bibl. Laurenziana, Cod. Gaddi 148 auf fol. 41v, Zeilen 17-18 steht: "Et li pavoni foro doi, li quali sonno ne lo Ca[n]taro de Paradiso." Unser Autor schreibt: "...e lo cierchio intorno ancho ornato fue d'oro cho paglioni d'oro e chon uno bue. Li quali furono due, che chatarono in Paradiso." Möglich ist natürlich auch, dass er zwar eine Vorlage unmittelbar benutzte, aber bereits die Vorlage lückenhaft war.

Die Parallellektüre dieser beiden MSS zeigt, dass der Autor dieser Handschrift innerhalb des ganzen Textes zahlreiche von der Mirabilia-Tradition abweichende Interpretationen anbietet. Er hält sich auch nicht genau an den vorgegebenen Aufbau des lateinischen Originals bzw. der früheren Übersetzung und gestaltet die Komposition neu (s. Vergleichstabelle der beiden Mirabilia-MSS aus Florenz unten). Hierbei soll angemerkt werden, dass in dieser Handschrift zwei Blätter fehlen: Blatt 45 und Blatt 46. Der Übergang von Blatt 44 zum Blatt 47 ist jedoch grammatikalisch nicht auffällig. Wahrscheinlich enthalten diese Blätter weitere Ergänzungen zur Kaiser-Biographien, die in MS Gaddi 148 gänzlich fehlen.

Das MS Riccardiana N.I.15 1925 bietet an manchen Stellen mehr Material, als das lateinische Original. Der Übersetzer bzw. Schreiber bringt eigenmächtige Einschübe in die Erzählung, die dadurch stark mythologisiert wirkt, und baut die aus anderen MSS bekannten mythologischen Elemente weiter in die volkstümliche Richtung aus. Der Autor dieser Handschrift verunstaltet zudem die mythologischen und historischen Namen und Ortsbezeichnungen bis zur Unkenntlichkeit. Dies erschwert weiterhin die Identifikation von Monumenten (Beispiel: Bezeichnung des Kybele-Tempels auf fol. 50r - Cibiles und Ciles, außerdem figuriert sie als "matre iudeorum" und gleichzeitig als "matre ovideorum").

Die Syntax des Textes ist äußerst ungleichmäßig. Es entsteht der Eindruck, als ob der Autor den Anfang des Satzes bei dessen Beendigung nicht mehr präsent hat und mit einem anderen Satz fortsetzt, ohne den vorherigen zu beenden. Außerdem fehlt an verschiedenen Stellen die Numerus-Genus-Kongruenz zwischen Adjektiven und Substantiven. Ferner hinkt die Kongruenz bei Pronomina und Bezugswörtern.

Die Orthographie des Textes zeugt ebenfalls von einem niedrigen Bildungsniveau des Schreibers bzw. des Übersetzers. Da es viele nicht normative Schreibweisen innerhalb eines Textes gibt, wurde der Hinweis <sic> nirgends eingesetzt. Denn einerseits sind viele nicht normative Schreibweisen im Text mehrmals vorzufinden, andererseits ist die Orthographie des Textes noch nicht als italienische Orthographie gefestigt, sondern enthält viele lateinische Wörter. Text-Wiederholungen wurden lediglich an denjenigen Stellen gestrichen, bei denen eindeutig ist, dass der Schreiber sich verschrieben hat.

Eine genaue orthographische Untersuchung erscheint aufgrund der atypischen Lexik nicht sinnvoll. Folgende Bemerkungen können bei der Lektüre weiterhelfen:

  1. Die Striche über den Vokalen, die auf die Konsonanten "m" oder "n" hindeuten, wurden vom Autor oft ausgelassen (Beispiele: "u suo" statt "un suo"; pote für ponte). Daher wurden die allgemeinen Aufschlüsselungen für die diakritischen "n" und "m" vermieden.
  2. Unterschiedliche Schreibweisen hängen von einer orthographischen Unsicherheit bei der Wahl einer morphologischen Form ab (Beispiele: fue, fo, fu, fie für fu; piedi piedes (sogar in einer Zeile) für piede/i; grande, grani, gradi für grande/i; submissales, sumisales, sumissales, sumssales für submissales).
  3. Da die laufenden Korrekturen und Anmerkungen die Lektüre im Internet deutlich erschwerten, wurden an besonders schlecht überlieferten Stellen so genannte "Kreuze" gesetzt, um diese Stellen zu markieren. Auf manchen Seiten wurden viele "Kreuze" gesetzt, da der Schreiber seine Vorlage offensichtlich ungenügend deutlich interpretieren konnte.

 

Tabelle: Vergleichender Aufbau von MS Florenz, Biblioteca Riccardiana N.I.15 1925 (XV saec.) und MS Florenz, Biblioteca Laurenziana, Cod. Gaddi 148 (XIII saec.)*

Florenz, Bibl. Riccardiana, N.I.15 1925 Folia, Zeilen Florenz, Bibl. Laurenziana, Codd. Gaddi 148 Folia, Zeilen
"I Naumachia ... i libro Faustorum." Fol. 39v, 17-41 - fol. 40r, 1-11. Kapitel: De la meta et de lo Castello. De lo Terrebinto de Nero. De lo castiello Adriano. Fol. 41r, 33-34 - fol. 41v, 1-26
Kapitel: Dell'Aghusto Fol. 40r, 11-27. Kapitel: De lo Agoste. Fol. 41v, 26-34 - fol. 42r, 1-7.
Kapitel: Santa Maria Ritonda Fol. 40r, 27-41 - fol. 40v, 1-11. "Nanti lo palazo deAlexandro... oraculo de Iunone." Fol. 42r, 9-27.
Kapitel: De Chapitolo. Fol. 40v, 11-41. Kapitel: De Capitolio. Fol. 42r, 27-34 - fol. 42v, 1-13.
Kapitel: Palati Troiani e Ariani Fol. 40v, 41 - fol. 41r, 1-39 - fol. 41v, 1-34. "Lo palazo de Adriano et Traiano... lo quale loco si dicea Ariston." Fol. 42v, 14-34 - fol. 43r, 1-34 - 43v, 1-7.
"Santa Balbina da gli antichi ... archa Apollnini Espreni." Fol. 41v, 35-38 - fol. 42r, 1-5. Kapitel: De Sancta Balbina Fol. 43v, 8-15.
Kapitel: Delle gioche del archo. Fol. 42r, 6-20. Kapitel: De lo ioco de Circo. Fol. 43v, 16-27.
"Queste chose... tenpio di Scipione." Fol. 42r, 21-30. Kapitel: De le cose ke foro in Circo. Fol. 43v, 27-34 - fol. 44r, 1.
"Inanzi li termini di Masimiano... figliuolo di Cromazio." Fol. 42r, 31-38 - fol. 42v, 1-38 - fol. 43r, 1-6. Kapitel: De templis Fol. 44r, 2-34 - fol. 44v, 1-9.
"Trastiberio...i migliore parte ch'avemo potuto." Fol. 43r, 7-24. Quando resorse l'olio. Fol. 44v, 10-26.
Kapitel: Le luoghora de santi. Fol. 43r, 25-38 - fol. 43v, 1-23. Keine Entsprechung
"Cimiteriu Chalopedii ... nella via Derosti." Fol. 43v, 24-38. Kapitel: De le Cimiteria de Roma. Fol. 48v, 22-36 - fol. 49r, 1-3.
"Le mura di Roma... senza Poticho." Fol. 43v, 40-42 - fol. 44r, 1-4. Kapitel: De le mure de Roma, De le porte de Roma. Fol. 48r, 15-23.
"Queste sono le principali... porta Levichana." Fol. 44r, 6-19. Kapitel: De le porte principale de Roma. Fol. 48r, 23-34 - fol. 48v, 1-3.
Kapitel: Marchino, Aurelius, Everius, Masimino, Lo figlio die Masamino, Cladio, Vitorino, Di Urelio, Foriano, Perobus, Charius, Sabino. Fol. 44r, 20-38 - fol. 44v, 1-43 - fol. 47r, 1-12. Keine Entsprechung
"Capus Matuus ... Sanatorius de prubicha." Fol. 47r, 13-15. Kapitel: De li campi de Roma. Fol. 47r, 32-34.
Kapitel: Vibor di Roma. Fol. 47r, 16-26. Kapitel: De le vie de Roma. Fol. 45r, 5-14.
Kapitel: De palazio. Fol. 47r, 27-37. Kapitel: De lo palazio de Nero. Fol. 41r, 2-10.
Kapitel: De Aghuglia. Fol. 47r, 38-45 - fol. 47v, 1-4. "Ad lato... la dicta memoria appare." Fol. 41r, 10-21.
Kapitel: De Chantaro Paradiso Santi Petri. Fol. 47v, 6-19. Kapitel: De lo Cantaro de Sancto Pietro. Fol. 41r, 21-33.
"Come fue fatta Santa Maria Ritonda... e vincierai." Fol. 47v, 20-42 - fol. 48r, 1-8. Kapitel: De Sancta Maria Rotonda. Fol. 45r, 21-34 - fol. 45v, 1-7.
"E fue morto... perfetta ventade." U.a. Kapitel Costantino, Chostantino, Ghostantino quando fur batizato, Costantino. Fol. 48r, 9-45 - fol. 48v, 1 Keine Entsprechung!
"Retorneremo e diremo... porta Portuensis." Fol. 48v, 3-17. "citate Lavicana... porta Portuensis." Fol. 48v, 3-19.
Kapitel: De treonfale archhibus. Fol. 48v, 18-37. Kapitel: De le arcora triumphale de Roma. Fol. 47v, 1-21.
Kapitel: I monti di Roma Fol. 47r, 38-41. Kapitel: De li monti de Roma. Fol. 47r, 26-28.
Kapitel: Li termine di Roma. Fol. 48v, 42-43 - fol. 49r, 1 Kapitel: De li termini de Roma. Fol. 47v, 22-25.
Kapitel: De perlazo. Fol. 49r, 2-18. Kapitel: De le palaza de Roma. Fol. 47v, 26-34 - fol. 48r, 1-8.
Kapitel: De chatris. Fol. 49r, 19-25. Kapitel: De teatri e Roma. Fol. 48r, 9-15.
Kapitel: De pote de Roma. Fol. 49r, 26-30. Kapitel: De li ponti de Roma. Fol. 47r, 29-32.
Kapitel: Del Primo Cierio. Fol. 49r, 31-35. Kapitel: De Primocerio. Fol. 49r, 4-7.
Kapitel: De Secodo Cierio. Fol. 49r, 36-39. Kapitel: De Secundocerio. Fol. 49r, 8-12.
Kapitel: De Perchuratore. Fol. 49v, 1-3. Kapitel: De Numenclatore. Fol. 49r, 13-15.
"Primo difensore... la sedia dello inperador." Fol. 49v, 6-7. Kapitel: De primo difensore. Fol. 49r, 16-18.
"Rechano...l'onteso," Fol. 49v, 8-10. Kapitel: De arcahrio. Fol. 49r, 19-21.
Kapitel: De chacielario. Fol. 49v, 11-12. Keine Entsprechung
Kapitel: De Seritolano. Fol. 49v, 13-14. Keine Entsprechung
Kapitel: Cholonna Antonni. Fol. 49v, 15-16. Kapitel: De colopna Antonina. Fol. 45r, 15-16.
Kapitel: Del Chuliseio. Fol. 49v, 17. Kapitel: De Coliseo. Fol. 45r, 17.
"Colonna Troiano... xlv finestre." Fol. 49v, 18-19. Kapitel: De la colopna Adriana. Fol. 45r, 17-18.
Kapitel: De Aghuglie. Fol. 49v, 22-25. Kapitel: De le Agulie. Fol. 44v, 29-31.
"I roma eranoxi merchatora... Rusticorum." Fol. 49v, 26-29. Kapitel: De le Mercatora. Fol. 44v, 32-34 - fol. 45r, 1.
Kapitel: De basilico. Fol. 49v, 30-33. Kapitel: De le basilike. Fol. 45r, 2-4.
"Chavalli grandi... e foro xx." Fol. 49v, 34-36. Kapitel: De li cavalli. Fol. 45r, 13-14.
"E di Roma furono... di rame inorato." Fol. 49v, 37-41 - fol. 50r, 1-10. "Et Agrippa se levao... de rame narato." Fol. 45v, 7-16.
"poi venne Bonifazio... delle loro anime." Fol. 50r, 11-29. Kapitel: Quando fo facta ecclesia Sancta Maria Rotunda. Fol. 45v, 17-31.
Kapitel: Chome fu fatto belleo Costantino. Fol. 50r, 30-42 - fol. 50v, 1-40 - fol. 51r, 1-7. Kapitel: De lo caballo Constantino. Fol. 45v, 32-34 - fol. 46r, 1-34 - fol. 46v, 1-6.
"Gli sanatori... in Aricielli." Fol. 51r, 8-33. Kapitel: Quando vide la visione Octabiano in celo. Fol. 46v, 6-30.
"Cavagli di marmo... loro di marmo." Fol. 51r, 34-37 - fol. 51v, 1-36. Kapitel: De li caballi marmorei. Fol. 46v, 31-34 - fol. 47r, 1-25.
"Regnio prima... xxxiiii piedes sumisales." Fol. 51v, 37-40 - fol. 52r, 1-39 - fol. 52v, 1-41 - fol. 53r, 1-28. Kapitel: De la prima regione de Roma, De la secunda regione de Roma, De la terza regione de Roma, De la quarta regione de Roma, De la quinta regione de Roma, De la sexta regione de Roma, De la septima regione de Roma, De la octava regione de Roma, De la nona regione de Roma, De la decima regione de Roma, De la undecima regione de Roma, De la duodecima regione de Roma, De la tertia decima regione de Roma. Fol. 49r, 22-33 - fol. 49v, 1-34 - fol. 50r, 1-34, fol. 50v, 1-34 - fol. 51r, 1-31 - fol. 51v, 1-35 - fol. 52r, 1-32.
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