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Zur Geschichte des Census

Der Census wurde um 1946 von den Kunsthistorikern Fritz Saxl (1890-1948) und Richard Krautheimer (1897-1994) sowie dem Archäologen Karl Lehmann (1894-1960) ins Leben gerufen und in London am Warburg Institute verankert. Aus den Briefwechseln der Wissenschaftler geht hervor, dass die Unsicherheit über die tatsächliche Antikenkenntnis der Künstler des Quattro- und Cinquecento, eines der größten Probleme bei der Bearbeitung der Werke und ihrer Interpretation darstellte. Und so entstand die Idee, ein Instrument zu schaffen, das die konkreten antiken Werke, die den Künstlern bekannt waren bzw. bekannt hätten sein können, systematisch erfasst. Ermittelt werden sollten sie anhand von zeitgenössischen Textquellen und Zeichnungen.

Fritz Saxl Richard Krautheimer Karl Lehmann

Mit der amerikanischen Archäologin Phyllis Pray Bober, die 1947 die Ideen der Gründer in die Tat umsetzte, erhielt der Census seine Kontur, die er im Grunde noch heute aufweist. In einem Karteikartensystem, das die antiken Monumente alphabetisch erfasste, wurden auf jeder Karteikarte die frühneuzeitlichen Dokumente verzeichnet, die das Monument zeigten, oder Aussagen über Zustand und Aufstellungsort, Ikonographie, Autorschaft und Datierung machten. Mit Verweisen auf die Reproduktionen in der Photographic Collection des Warburg Institute wurde bereits, wie man heute sagen würde, die Bildkomponente mit einbezogen. Man beschränkte sich in diesem frühen Stadium auf die Erfassung der antiken Skulptur und ihrer Dokumentation im Zeitraum von 1400 bis ca. 1530.

Phyllis Pray Bober Census Karteikasten Ruth Rubinstein

Mit Ruth Rubinstein, die 1957 ans Warburg kam, erhielt das Projekt seine zweite langjährige Protagonistin. Bober hatte stets am Institute of Fine Arts in New York für das Projekt gearbeitet, und nun hatte auch London seine Census-„Arbeitsstelle“. Die zeitliche Begrenzung des zu erfassenden Materials weitete sich bald bis 1600 aus. Für die Arbeit des Census wurden zahlreiche Fotos von Skizzenbüchern und Antikenzeichnungen angekauft, die die Photographic Collection des Warburg Institute zu einer der wichtigsten Anlaufstellen für Renaissancezeichnungen werden ließ. Im Rahmen und mithilfe der Forschungen des Census wurden schließlich auch zahlreiche Renaissanceskizzenbücher publiziert.

Als Anfang der 80er Jahre eine Kooperation mit der Bibliotheca Hertziana unter der damaligen Leitung von Matthias Winner und Christoph Luitpold Frommel vereinbart wurde, war es den Architekturhistorikern ein Anliegen, auch die bisher außen vor gelassenen antiken Bauwerke mit aufzunehmen. Bereits Ende der 70er Jahre war mit dem Gedanken an eine Computerisierung des Karteikartensystems gespielt worden. Die Ausweitung des zu erfassenden Materials auf die komplexe Gattung der Architektur war nun ein Argument mehr, neue Wege einzuschlagen. In derselben Zeit startete der J. Paul Getty Trust sein Art History Information Program, in dem der Einsatz der elektronischen Datenverarbeitung für die Geisteswissenschaften erprobt werden sollte und im Rahmen dessen nun auch die erste Census-Datenbank entwickelt und programmiert werden konnte.

Unix Census 1993 Unix Screen

Ab 1981 also wurde unter der Leitung von Arnold Nesselrath in Rom und in Zusammenarbeit mit dem Programmierer Rick Holt das Datenmodell ausgearbeitet und zunächst die Eingabe-, später auch Abfrage-Versionen programmiert. Für das Datenmodell mussten die komplexen Informationen auf den Karteikarten von Bober und Rubinstein in eine klare Struktur überführt werden. Denn der größte Vorteil des objektrelationalen Modells stellt der Zugriff auf die Informationen von allen Seiten dar: War das Karteikartensystem nur über die Namen der antiken Monumente zu „betreten“, so konnten die Daten nun von allen Seiten her abgefragt werden.

Der nächste Ortswechsel des Projekts fiel auch mit dem Wechsel in die nächste technische Generation zusammen. Die Förderung des Projekts durch die Bibliotheca Hertziana endete 1995 und Horst Bredekamp, gerade an die Humboldt-Universität berufen, setzte sich erfolgreich für eine dauerhafte Angliederung des Projekts an das heutige Institut für Kunst- und Bildgeschichte ein. Eine zusätzliche Förderung erhielt das Projekt durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung. In den ersten Berliner Jahren wurde die Datenbank-Software umgestellt. Mit dem Umzug auf das System Dyabola, bei dem das Datenmodell an sich nicht verändert wurde, war nun die Eingabe an mehreren Stationen möglich und auch die vormals nur an den Standorten London und Rom mögliche Konsultation, wurde durch die Publikation der Datenbank auf CD bzw. später auf DVD deutlich vereinfacht. 2000 wurde schließlich auch die erste Internet-Version zur Verfügung gestellt.

Dyabola Census

Auch die nächste Etappe des Census geht mit dem Wechsel in eine neue technische Generation einher. Als das Census-Projekt 2003 in das Akademienprogramm der BBAW mit einer Laufzeit bis 2017 aufgenommen wurde, war es eine der dringendsten Aufgaben, die Daten im Open Access zur Verfügung zu stellen. Die vormals lizenzierte Dyabola-Datenbank wurde mit der wertvollen Unterstützung der Akademie und des Telota-Teams erneut in ein neues System überführt und 2007 mit einer neuen webbasierten Software online und ohne Zugangsbeschränkung bereit gestellt.

Census Datenbank aktuell

Die inhaltliche Ausrichtung des Projekts hat sich seit den Anfängen nur hinsichtlich der Ausweitung des Zeitraums und der Aufnahme der Architektur sowie in den letzten Jahren mit der Erweiterung auf Münzen verändert. Die Fragestellung ist stets dieselbe geblieben: welche Antiken waren wo und in welchem Zustand während der Renaissance bekannt?

Weiterführende Literatur

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