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Projektbeschreibung

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Titelblatt: Enea Vico,
Omnium Caesarum
verissimae imagines ex
antiquis numismatis,
Venedig 1554

In der Epoche des Renaissance-Humanismus waren die Münzen nicht nur bevorzugtes Sammelobjekt, sondern spielten eine wichtige Rolle bei der Wiederentdeckung der antiken Kultur. Es war zunächst das Kaiserporträt, das die Aufmerksamkeit der Antiquare auf sich zog, und entsprechend standen die römischen kaiserzeitlichen Prägungen im Zentrum des Interesses. Von nicht wenigen römischen Kaisern haben allein die Münzen ein Bildnis bewahrt, eine Reihe von Kaisern ist uns überhaupt nur dank der überlieferten Gepräge bekannt. Darüber hinaus stellt die überwältigende Fülle der Rückseitendarstellungen der als Informations- und Propagandainstrument des Kaisers fungierenden Münzen gerade in Ergänzung zur häufig lückenhaften literarischen Überlieferung notwendiges Quellenmaterial für die gesamte antike Kultur dar.

Die Interpretation der Münzbilder und -legenden ermöglicht z. B. Aussagen zur politischen Ereignisgeschichte, zur Götter- und Herrscherikonographie, zur Topographie, zur Verwaltung des Reichs ebenso wie zu Kunst und Architektur, Sport und Spielen. Dieser große Informationswert antiker Münzen für historische, archäologische, geographische, mythologische und ideologiegeschichtliche sowie kunsthistorische Forschungen wurde erstmals von den Humanisten erkannt; von hier nahm die Numismatik als Wissenschaft ihren Ausgangspunkt. Es ist das entscheidende Verdienst der frühneuzeitlichen Antiquare, dass sie mit der Wiederentdeckung der antiken Bildersprache begonnen haben. Münzen waren ein Hauptmedium der Aneignung der antiken Kultur in der Renaissance.

Aufgrund der eminenten Bedeutung der Münzen für die Antikenforschung in der Renaissance hatten sich das Kunsthistorische Institut Florenz (Max-Planck-Institut), das Münzkabinett Berlin und das Census-Projekt zu dem vom BMBF geförderten, interdisziplinären Forschungsprojekt "translatio nummorum" zusammengeschlossen.

Zielsetzung des Kunsthistorischen Instituts in Florenz war es, die auszuwertenden Renaissanceschriften verfügbar zu machen. Das KHI hat im Laufe der Zeit eine wertvolle Sammlung numismatischer Bücher des 16. Jahrhunderts erworben. Der Kern der Sammlung wurde schon von Heinrich Brockhaus, dem ersten Direktor des Instituts in Florenz, zusammengestellt und in den folgenden Jahren immer wieder bereichert, so dass am Institut eine Reihe der wichtigsten Werke des 16. Jahrhunderts vorhanden ist.

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Einführungseite zu Nero aus Enea Vico,
Omnium Caesarum..., 1554

Als adäquates Medium, der Wissenschaft und dem interessierten Publikum diese Schätze zugänglich zu machen, ohne daß die Bücher selbst aufgrund häufiger und nicht fachgerechter Benutzung leiden, bot sich das Internet an. Das KHI digitalisierte und transkribierte deshalb die einschlägige Literatur und stellt sie nun in einer Internet-Datenbank dauerhaft und kostenlos als recherchierbare Dokumente zur Verfügung. Mit dieser Aufbereitung der Bestände des Florentiner Instituts für die Präsentation und Volltextrecherche im World Wide Web wurde der Nukleus einer elektronischen Bibliothek der historischen Münzliteratur geschaffen, der bereits im Rahmen des Projekts durch weitere Werke aus anderen Bibliotheken ergänzt wurde und der auch in Zukunft mit den bewährten Instrumenten weiter ausgebaut und vervollständigt werden könnte. Durch diese Digitalisierung und Transkription der einschlägigen gedruckten Werke des 16. Jahrhunderts wurde erstmals eine vergleichende Untersuchung abweichender Editionen möglich, die bisher fast gänzlich ausgeschlossen war, wenn sich die Werke nicht an einem Ort befinden.

Das auf diese Weise zugängliche Text- und Bildmaterial wurde zudem in die bewährte Datenbank des Census integriert, wodurch gleichzeitig eine Verknüpfung mit parallelen Zeitzeugnissen anderer Gattungen erreicht wurde.

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Erste Münztafel zu Nero (F 1) aus Enea Vico,
Omnium Caesarum..., 1554

Um bereits in der dreijährigen Projektphase zu auswertbaren Ergebnissen zu kommen, war aufgrund der Materialfülle eine zeitliche Begrenzung notwendig. Dementsprechend wurden in allen Renaissancedokumenten zunächst jeweils diejenigen Münzen mit den dazugehörigen Beschreibungen, Bestimmungen und Abhandlungen erfasst, die die iulisch-claudische und flavische Epoche betreffen. Dabei wurde – wie in der Renaissance üblich – bereits mit Gaius Iulius Caesar begonnen. Dieser Zeitraum, der den historisch bedeutsamen Übergang von der römischen Republik zum Prinzipat und seine Etablierung mit einbezieht, bot sich aus mehreren Gründen an: Diese Epoche umfasst gerade jene Kaiser, die aufgrund der in der Renaissance weit verbreiteten und beliebten 12 Kaiserviten Suetons besondere Popularität genossen. So gibt es kaum eine numismatische Abhandlung des 16. Jahrhunderts, die nicht auch diese Kaiser mit einschloss. Auch aus heutiger Sicht ist diese zeitliche Eingrenzung sinnvoll, liegen doch gerade für diese Epochen neue einschlägige Bestimmungskataloge für die Münztypen vor. Im Ergebnis konnten auf diese Weise Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Aufbau der Schriften, bei der Auswahl und Art der Abbildungen und in der Methodik der Untersuchungen herausgearbeitet und am selben antiken Ausgangsmaterial deutlich gemacht werden.

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Sesterz Nero/Congiarium, Berliner
Münzkabinett (Nr. 18204405)
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Die Rückseite entspricht Enea
Vicos Darstellung Nr. 1 auf
Tafel F 1

Neben den Renaissancedokumenten wurden in der Census-Datenbank die antiken Monumente erfasst, auf die sich die Dokumente beziehen, d. h., die jeweiligen Abhandlungen wurden mit den antiken Münzen verknüpft. Das Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz stellte hierfür die Belege zur Verfügung. War in seltenen Fällen ein Typ dort nicht belegt, konnten wir auf die Bestände des British Museum in London und der American Numismatic Society in New York zurückgreifen.

Die Wurzeln des Münzkabinetts der Staatlichen Museen zu Berlin reichen bis in das 16. Jahrhundert in die Kunstsammlung des brandenburgischen Kurfürsten Joachim II. (1535–1571) zurück. Heute gehört das Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin zu den fünf weltweit führenden Münzsammlungen, gerade auch im Bereich der Antike. Die wechselhafte Geschichte des Münzkabinetts, besonders im 20. Jahrhundert, verhinderte bislang jedoch die wissenschaftliche Publikation der Museumsbestände.

Die neuen Möglichkeiten des digitalen Publizierens bieten erstmals gute Voraussetzungen für die Veröffentlichung der in dem Tresorraum liegenden und der Öffentlichkeit unzugänglichen Museumsbestände. Bei über 153.000 antiken Münzen kann diese Arbeit erfolgreich jedoch immer nur projektbezogen entstehen. In einer ersten Entwicklungsphase ging das Münzkabinett am 20. Mai 2007 mit einem Interaktiven Katalog online, in dem ein Kernbestand von über 5.000 ausgestellten Münzen und Medaillen veröffentlicht wurde. Die in ständiger Erweiterung begriffene Web-Site ist schon jetzt mit über 110.000 Besuchern jährlich und steigenden Benutzerzahlen zu einem viel befragten Arbeits- und Informationsinstrument geworden.

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Sesterz Nero/Decursio, Berliner
Münzkabinett (Nr. 18204315)
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Die Rückseite entspricht Enea
Vicos Darstellung Nr. 2 auf
Tafel F 1

Im Rahmen des Projekts "translatio nummorum" wurden die römischen Reichsprägungen von Caesar bis Domitian fotografiert, wissenschaftlich dokumentiert und im Internet publiziert. Damit wurden die relevanten Münzzeugnisse für eine dauerhafte Verlinkung mit der Census-Datenbank zur Verfügung gestellt. Die Originale zu den Münzbildern können jederzeit in der Berliner Sammlung konsultiert werden.

Ziel des Projekts translatio nummorum war die Erfassung und vergleichende Analyse des numismatischen Schrifttums des 16. Jahrhunderts zur iulisch-claudischen und flavischen Epoche. Damit wurde ein wichtiger Beitrag zur aktuellen Wissenschaftsgeschichte der Numismatik und der antiquarischen Forschung geleistet. Als Ergebnis stehen wertvolle Instrumente für weiterführende Forschungen zur Verfügung: der Online-Zugang zu den entscheidenden Editionen numismatischer Abhandlungen der frühen Neuzeit sowie eine Erweiterung des Interaktiven Katalogs des Berliner Münzkabinetts. Im Rahmen des Census-Projekts gibt es endlich den Grundstock für die seit langem geforderte Teildatenbank eines "Census of Ancient Coins Known in the Renaissance".

Damit wurde im Rahmen des BMBF-Förderprogramms "Übersetzungsfunktionen in den Geisteswissenschaften" Grundlagenforschung auf dem Gebiet der Wissenschaftsgeschichte betrieben. Es wurde aufgezeigt, wie die Münzen in der Renaissance sozusagen als Übersetzer und Vermittler der antiken Kultur fungierten. Sie bildeten damals wie heute eine Form des kulturellen Gedächtnisses.

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